Heidi Bossard-Borner

Vom Kulturkampf zur Belle Epoque.

Der Kanton Luzern 1875 bis 1914

2017. 540 Seiten, 53 Abbildungen, davon 5 in Farbe, 25 Tabellen, 14 Karten, davon 14 in Farbe. Gebunden.

sFr. 68.- / € (D) 68.-

ISBN 978-3-7965-3714-1

Pfründen, Herrschaft, Gottesdienst.

Der dritte Teil der Luzerner Kantonsgeschichte des 19. Jahrhunderts beleuchtet den Weg aus der vom Trauma des Bürgerkriegs überschatteten Nachsonderbundszeit in die schweizerische Normalität des frühen 20. Jahrhunderts.

Als spezifisch luzernisches Element tritt im Politischen der konservativ-liberale Gegensatz hervor; er wurde auch durch die Entstehung der sozialdemokratischen Partei nicht aufgeweicht. Auffallend sind die zwei Gesichter, mit denen sich der Parteidualismus präsentierte: einerseits die konstruktive Zusammenarbeit im politischen Alltagsgeschäft, andererseits die erbitterten Machtkämpfe, die sich Konservative und Liberale periodisch lieferten.

Ein unerschöpfliches Reservoir für Parteipolemik bot die Kirchenpolitik. Luzern war Schauplatz eines Kulturkampfs mit umgekehrten Vorzeichen, in dem die konservative Regierungsmehrheit gegen alles vorging, was als Bedrohung des romtreuen Katholizismus gelten konnte.

Aus dem vielfältigen Alltagsgeschäft von Politik und Verwaltung stechen zwei Themen heraus: das Phänomen der allzu zahlreichen Gemeindebeamten, die öffentliches Gut veruntreuten, sowie das Schicksal der Kinder, die bei Privaten verdingt oder in den Erziehungsanstalten Rathausen und Sonnenberg versorgt wurden.

Hinsichtlich des wirtschaftlichen und sozialen Lebens spannt sich der Bogen von der Weltwirtschaftskrise der 1870er Jahre über die Modernisierung der Landwirtschaft, das Aufblühen des Tourismus und die Entstehung industrieller Schwerpunkte hin zu den erbitterten Arbeitskämpfen, die namentlich im Raum Luzern ausgetragen wurden. Hervorzuheben ist im Weiteren das Eisenbahnwesen mit der Gotthardbahn als dem Inbegriff verkehrspolitischer Träume und Enttäuschungen. Besondere Aufmerksamkeit gebührt schliesslich den Vereinen, die das katholische Milieu strukturierten und damit dem Luzerner Katholizismus einen neuen Charakter verliehen.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Einleitung

1. Politik und Parteien

1.1 Wahlen als Spiegel des politischen Lebens

1.1.1 Die Großratswahlkreise und ihre Charakteristik
1.1.2 Die Großratswahlen 1879
1.1.3 Die Wahlkreisreform 1882 und die Wahlen 1883 und 1887
1.1.4 1890/91 – Verfassungsrevision und Wahlkampf im Zeichen der Konfrontation
1.1.5 Von der Proporzinitiative 1893 zu den Großratswahlen 1895
1.1.6 1896–1899 – Die dritte Partei etabliert sich
1.1.7 1902–1905 – Gewichtsverschiebungen und neue Allianzen
1.1.8 Die Großratswahlen 1907 und die Volkswahl des Regierungsrats
1.1.9 Der Weg zum Proporz und die Wahlen 1911, Die Großratswahlen 1911

1.2 Verfassungsgeschichte im Zeichen der demokratischen Rechte

1.2.1 1882 – Die demokratische Legitimierung der Todesstrafe
1.2.2 Die Verfassungskämpfe 1890/91
1.2.3 Die Verfassungsrevision 1904
1.2.4 Die liberale Verfassungsinitiative 1905

2. Der Kulturkampf im Kanton Luzern

2.1 Von der altkatholischen Bewegung zur christkatholischen Kirche

2.1.1 Die Stadt Luzern: Römisch-katholische Kirchgemeinde mit altkatholischer Verwaltung
2.1.2 Die christkatholische Diaspora auf der Landschaft, Der Fall Wolhusen
2.1.3 Die Christkatholische Genossenschaft Luzern und der Streit um Mariahilf
2.1.4 Die Organisation des religiösen Lebens

2.2 Kulturkampf um die Schule

2.2.1 Der Streit um die Lehrschwestern von Ruswil und Buttisholz
2.2.2 Die Kantonsschule
2.2.3 Die Neuausrichtung der Volksschule

2.3 Katholisch-konservative Kirchenpolitik zwischen staatskirchenrechtlicher Tradition und Ultramontanismus

2.3.1 Die Ära Segesser
2.3.2 Mehr Spielraum für die Kirche

3. Politik und Verwaltung – Zwischen Wunschdenken und Notwendigkeit

3.1 Finanzpolitik im Spannungsfeld von Parteipolemik und Realität

3.1.1 Die Revision des Armen- und des Steuergesetzes
3.1.2 Wie viel Geld braucht der Staat?

3.2 Problemfelder im Gemeindewesen

3.2.1 Gemeinden mit Finanzproblemen, Buchs – Schachen – Alberswil – Richensee und Mosen
3.2.2 Inkompetent, nachlässig, ungetreu: Probleme mit Gemeindebeamten

3.3 Das Sozialwesen zwischen Fürsorge und Disziplinierung

3.3.1 Kinder als Objekte der Armenpflege, Verdingkinder – Die Erziehungsanstalt Rathausen – Die Rettungsanstalt Sonnenberg
3.3.2 Kantonale Anstalten, Die Zwangsarbeitsanstalt – Das Kantonsspital – Die «Anstalt für bildungsfähige schwachsinnige Kinder» in Hohenrain

4. Wirtschaft, Bevölkerung, soziales Leben

4.1 Konjunktur und Krise

4.1.1 Die Luzerner Wirtschaft am Vorabend der Krise
4.1.2 Die Krise der 1870er und 1880er Jahre, Konkurse in der Stadt Luzern – Die Krise der Landwirtschaft und das Problem der Hypothekarverschuldung

4.2 Die Luzerner Wirtschaft im Zeichen des Wachstums

4.2.1 Der Weg aus der Agrarkrise
4.2.2 Die Stadt Luzern in der Belle Epoque
4.2.3 Die Industrie, Der lange Weg aus der Krise – Die Papierfabrik Perlen – Das Beispiel Sursee – Elektrizität – Die Industrie vor und nach der Jahrhundertwende – Der Fall Hochdorf

4.3 Der Ausbau des Eisenbahnnetzes

4.3.1 Vision und Realität – Luzern und die Gotthardbahn
4.3.2 Die Seetalbahn
4.3.3 Die Kriens-Luzern-Bahn
4.3.4 Die Huttwil-Wolhusen-Bahn
4.3.5 Die Normalspurbahn von Sursee nach Triengen
4.3.6 Die Verlängerung der Seetalbahn nach Beromünster
4.3.7 Die Frage des Eisenbahnrückkaufs

4.4 Arbeitskämpfe

4.4.1 Streiks im späten 19. Jahrhundert, Die italienischen Maurer organisieren sich – Der Typographenstreik 1897 – Der Maurerstreik 1897
4.4.2 Die Arbeitskämpfe der Jahre 1902 bis 1914, Der Spenglerstreik 1903, der Gipserstreik 1904/05 und die Frage eines Streikgesetzes – Der Streik bei von Moos 1905 – Die Malerstreiks 1905 und 1907 und die christlichsozialen Gewerkschaften – Die Schreinerstreiks 1908 und 1911 – Das Streikjahr 1912 und der erneute Ruf nach einem Streikgesetz

4.5 Aspekte der Bevölkerungsentwicklung

4.5.1 Wachstumsregionen
4.5.2 Ehe, Geburt, Tod
4.5.3 Ansteckende Krankheiten, Die Tuberkulose
4.5.4 Veränderungen des konfessionellen Gefüges, Protestanten – Die jüdische Gemeinschaft
4.5.5 Zum Bestattungswesen

4.6 Facetten des Vereinswesens

4.6.1 Vereinszweck: Gemeinnützigkeit
4.6.2 Berufsorganisationen und Gewerkschaften
4.6.3 Politische Vereine und Parteien
4.6.4 Die Vereine des katholischen Milieus

Zum Schluss

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