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Staatsarchiv

Ein Luzerner in Kanada - Teil 1: Auswanderung als Chance

Sieben Söhne und ein Hof

Josef Fischer wurde 1839 als zweites Kind auf einem Bauernhof in Untergattwil zwischen Buttisholz und Nottwil geboren. Seine Eltern, Anton Fischer und Katharina Hess, hatten sieben Söhne und eine Tochter, die das Erwachsenenalter erreichten. Während die Tochter Maria den Besitzer des Gasthof Sonne in Neuenkirch, Xaver Schmidlin, heiraten und so den elterlichen Hof verlassen konnte, waren die Brüder auf das Land angewiesen. Die Eltern waren früh verstorben und die sieben Brüder erbten den Hof in Gütergemeinschaft.

Vor der Kodifizierung des Schweizer Erbschaftsrechts im Zivilgesetzbuch von 1912 regelte jeder Kanton sein Erbschaftsrecht selbstständig, wobei dies in der Schweiz zu einem Flickenteppich aus französischen und deutschen Rechtsnormen, sowie alten Gewohnheitsrechten führte. Im Kanton Luzern wurden Bauernhöfe in gleichen Teilen allen männlichen Nachkommen vermacht. Da das Land aber aufgeteilt nicht zum Leben reichen würde, führte in der Praxis ein einziger Sohn den Hof weiter, während die anderen entweder als ledige Hofhilfen zurückblieben oder ihr Glück anderswo suchten. Die Brüder Fischer kauften die angrenzende Liegenschaft Mittlergattwil zu ihrem Land dazu und Josef selbst zog auf einen Hof im Gustiberg (Buttisholz). Doch auch mit dem grösseren Land und ohne Josef gelang es den Brüdern nicht, von der Landwirtschaft zu leben. Ausserdem hatte sich Josef über die Jahre im Namen der Gütergemeinschaft tief verschuldet. Die Aufnahme der Schweinezucht durch die Brüder Fischer erwirtschaftete zu wenig Geld und Josefs Umzug in den Gustiberg konnte seine Gläubiger nicht davon abhalten, in Untergattwil bei der brüderlichen Gütergemeinschaft nach ihrem Geld zu verlangen. 

 

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Grundriss des Hofs im Gustiberg um 1869 (Quelle: XF 9/159, Staatsarchiv Luzern)


Agrarkrise und Auswanderung

Josef Fischer war nicht der einzige Bauer, der sich in dieser Zeit verschuldet hatte. Der zuvor starke Aufschwung der Landwirtschaft in der Schweiz aufgrund des technologischen Fortschritts geriet in den 1860er Jahren immer mehr ins Stocken. Der Ausbau der Eisenbahn- und Dampfschiffgesellschaften führte dazu, dass Handelswege kürzer und bezahlbarer wurden. Schweizer Bauern konkurrierten plötzlich mit billigem Importgetreide aus den USA. Die darauffolgende europaweite Agrarkrise führte dazu, dass rund ein Viertel der Schweizer Bauern Konkurs gingen, darunter auch Josef Fischer.

Nachdem Josef Fischer Konkurs erklärt hatte, verfügte das Bezirksgericht Ruswil 1873 (Signatur XF 9/40), dass Unter- und Mittlergattwil versteigert werden sollte, um Josefs Schulden zu begleichen. Die Brüder Fischer fochten das Urteil an und zogen es weiter ans Obergericht (Signatur XA 23/90), wo es jedoch bestätigt wurde. Die Versteigerung wurde für August angesetzt und im Kantonsblatt publiziert. Die verbliebenen Brüder würden ihre Lebensgrundlage in Untergattwil verlieren, aber Josef selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf einem Schiff in die Neue Welt. 

 

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Untergattwil im Jahr 2026 (Foto: Caleigh Chambers)

Fischer hinterliess nicht nur seine Konkursmasse, sondern mutmasslich auch eine uneheliche Tochter. Eine Magd aus der Gegend hatte eine Vaterschaftsklage gegen ihn gewonnen, sodass er zur Zahlung von Kinderalimenten für die kleine Paulina verpflichtet wurde (Signatur XF 9/39). Statt seine Schulden zu begleichen und seine uneheliche Tochter anzuerkennen, verschwand Fischer. Aus den Hypothekarprotokollen geht hervor, dass der jüngere Bruder Johann das nötige Kapital aufgetrieben hatte, um Untergattwil zu kaufen und Josefs Gläubiger auszuzahlen (Signatur ZF 4/21). Johann führte den Hof gemeinsam mit Bruder Anton weiter, während Josef Fischer sich eine neue Existenz in Kanada aufbaute.

Die staatlichen Akten sowohl in Luzern wie auch in Welland-Ontario zeichnen ein skizzenhaftes Bild. Während Fragen nach Grundbesitz seit jeher gut dokumentiert werden, sind Zeugnisse über Familienverhältnisse selten und oftmals nur zufällig erhalten geblieben. Für Familienforschende bedeutet das, dass sie entlang staatlicher Akten recherchieren und zwischen den Zeilen lesen müssen. Auch in diesem Fall schweigen die Quellen über die mutmassliche Tochter, aber Untergattwil findet Jahrzehnte später seinen Weg zurück in Josef Fischers Leben.

 

Fortsetzung folgt Teil 2: Der Blick zurück

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Johann Fischer 1909, Illustrierte Luzerner Chronik, Wöchentliche Unterhaltungen (Quelle: PA 577/1, Staatsarchiv Luzern)

Weiterführende Literatur:

  • Head-König Anne-Lise: Farm transfer, marriage, household and parental power in rural Switzerland 1860-1960, Turnhout (Belgien) 2012.
  • Lemmenmeier, Max: Luzerns Landwirtschaft im Umbruch: Wirtschaftlicher, sozialer und politischer Wandel in der Agrargesellschaft des 19. Jahrhunderts, Luzern/Stuttgart 1983.
  • Pahud de Mortanges, René: Schweizerische Rechtsgeschichte, Zürich 2017.
  • Pfister Ulrich; Rieder Peter: "Agrarverschuldung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 2001 (Artikel aus der HLS-Druckversion, bearbeitet am 17.07.2013). Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013914/2013-07-17/, konsultiert am 13.05.2026.