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Transkription einer Turmakte von Malters

Malters

Nicht immer sind Turmakten derart episch breit abgefasst, wie jene Turmakte von Malters aus dem Jahr 1935. In eindrücklicher Weise widerspiegelt diese ebenso den Zeitgeist der Zwischenkriegszeit mit einem eindeutig wirtschaftlichen Schwergewicht wie auch die politische Gesinnung der Dokumentenverfasser.

Das handgeschriebene Dokument wurde 2001 bei der Renovation der St.-Martin-Kirche zu Malters im Gebälk des Turms gefunden. Bei der im Jahre 1946 erfolgten Renovation haben es drei Zimmerleute nachunterzeichnet.

Quelle: Original im Pfarreiarchiv Malters (Sign 2.3.1/6.10d), Photokopie STALU PS 252/1

Malters, im August 1935

In Gottesnamen schreiben wir Unterzeichneten zu gegenwärtig politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten folgendes nieder:

Durch den grossen Weltkrieg 1914-19 wurden wir verschont, für uns Schweizer als neutraler Staat brachte dieser Krieg grosser wirtschaftlicher Aufschwung, hervorgerufen durch Lieferungen von Waffen, Maschinen, Kriegsmaterial etc., für die Landwirtschaft sehr günstigen Produktenabsatz. Die kriegsführenden Staaten brauchten für sich in grossen Mengen lebensnotwendige Artikel, und so hatte die Schweiz als Staat ein grosser Anteil an den Lieferungen, damit dass die Länder zu wenig produzieren konnten, und dadurch die Nachfrage nach Waren zum Angebot viel zu klein war, stiegen die Preise ins Unermessliche. Es wurden zum Beispiel Preise bezahlt: für Kühe (schöne Tiere) Fr. 2000.- bis 3000.- / Milch 40 Cts. per Liter / Branntwein (Birnen) Fr. 12.- / Herrenkleiderstoffe mittlere Qualität Kammgarn Fr. 40.- / Bettstoffe, baumwollene Leintuchstoff mittlere Qualität Fr. 7.- bis 8.- / Hemdenstoff für Werktagshemden ca. Fr. 3.20 / und so auch alle Artikel. Um der Warennachfrage gerecht zu werden, brachte uns die Technik, die sich durch diese Verhältnisse entwickelte, neue Maschinen, eingerichtet für Grossproduktion, die aber uns Menschen nach und nach die Arbeit raubte. Diese Entwicklung dauerte nach dem Kriege bis zur heutigen Zeit an.

Im Jahre 1921 begann durch die in allen Ländern erfolgte Überproduktion der Preiszerfall. Das bedingte ein internationales Abkommen, wonach in den Fabriken die Arbeitszeit auf acht Stunden reduziert wurde. Für einige Jahre genügte diese Einteilung und so war die Arbeitsnachfrage ausgeglichen. Diese glückliche Zeit dauerte aber nicht lange, der Industrie, der Landwirtschaft brachte die Technik und insbesonders die Elektrizität, die überall als arbeitende Kraft herbeigezogen wurde, wieder neue Maschinen, es gab hier auch auf der ganzen Erde wiederum eine grosse Überproduktion. Diese ausgeführeten Zeilen brachten es mit, dass zwischen den Ländern das gegenseitige Vertrauen schwand. Die Schweiz, die auch ihren Kapitalüberfluss an verschiedene Staaten Geld ausgeliehen hatte (hauptsächlich in Deutschland), wurde seit den Jahren 1930 auch in Mitleidenschaft gezogen. Durch grosse Verluste, die hauptsächlich die Gross- und Kleinbanken durch Spekulationen im Ausland erlitten hatten, kamen diese Geschäfte in Schwierigkeiten. So die Banque de Genève, Schweiz. Volksbank, Basler Handelsbank, Sautier in Luzern, Bank in Zofingen als grössere Banken, und in nächster Umgebung Landbanken, Spaarkasse Willisau, Volksbank Willisau, Volksbank Reiden, Spar- und Leihkasse Entlebuch – und welche noch ins Wanken kommen, wissen wir nicht.

Damit sind wir in eine entscheidende Phase gekommen. Durch die Bundesverfassung von 1848 gewährleistete Handels- und Gewerbefreiheit konnte in der Schweiz ein jeder, wie es in seiner Macht lag, wirtschaften. So konnte sich der Kapitalist eine Machtstellung einnehmen, der damit, ohne Rücksicht auf andere Miteidgenossen, durch seine brutale Handlungsweise dem Kleinen die Existenz raubte. Der begeldete Industrielle oder die Gesellschaft nutzte alles zu ihrem Interesse aus, sie kam dazu, dem Arbeiter Löhne zu bezahlen, die ihm den Lebensunterhalt erschwerten. Die Geschäfte erzielten für sich und dessen Teilhaber dadurch grosse Gewinne. Es wurden an Dividenden grösserer Gesellschaften 6 – 15 % ausbezahlt ohne Zulagen, an die leitenden Persönlichkeiten je nach Ertrag Fr. 5’000.- bis 200’000.- betrugen. (Chem. Industrie Basel zahlte an Dividende sogar bis 25 %). Diese Zustände brachten das Volk in Zersplitterung. Der Arbeiter als Sklave organisierte sich und schloss sich als sogenannte Sozialistische Partei zusammen, die heute in der Schweiz eine schon starke Stellung einnimmt. Es sind aber noch eine grosse Anzahl Betriebe, die ihre Arbeiter als Mitmenschen kennen und so rechte Löhne auszahlen. Zu dieser Gruppe gehören in Malters die Mühle Steiner, Zwiebackfabrik Hug AG etc. Durch die liberale Freiheit entstanden Grosswarenhäuser, Migrosgesellschaften, die den Kleinhandel verdrückten. Diese Gesellschaften, hinter welchen das Grosskapital steckt, bezahlen ihrem Umsatze nach fast keine Steuern. So zahlen zum Beispiel in Herisau (Appenzell) die Migros pro 1933 mit Fr. 450'000.- Umsatz Fr. 580.- an Steuern, während 20 Spezereihandlungen, mit zusammen Fr. 950'000.- Umsatz Fr. 9'986.- Steuern zahlen. Dies ist amtlich nachgewiesen. Solche Zustände in gegenwärtiger Grundlage können auf die Dauer nicht mehr weiter bestehen.

Es haben sich vor ca. drei Jahren Männer zusammengetan, um diesen Misständen entgegen zu treten. Unter solchen Volksbewegungen entstand auch eine überparteiliche Volksbewegung und nennt sich "Neue Schweiz". Diese Gruppe nimmt sich als Ziele vor, die Schaffung von einem Mehrheitswillen des Schweizervolkes getragenen Volksgemeinschaft. Die Aufrechterhaltung unserer Demokratie auf der Grundlage der christlichen Grundsätze. Sie will dem arbeitenden Volke, auf berufständischer Ordnung, unter Wahrung des Privateigentums, eine neue Richtlinie geben. Zu diesem Zwecke lanciert die Neue Schweiz gegenwärtig eine Initiative für eine Neuordnung der Wirtschaft, die den Artikeln 31 und 34 der gegenwärtig geltenden Bundesverfassung eine neue Grundlage für den Handel und das Gewerbe gibt. Wie nötig diese Verfassungsänderung ist, beweist, dass der Bundesrat sich fast fortwährend mit Notverordnungen befassen muss, um dem mittelständischen Gewerbe, das sonst dem Untergange geweiht wäre, zu helfen. Diese Massnahmen sind aber eine wider die Verfassung gehende Beschlüsse. Die Neue Schweiz erstrebt auch eine Änderung in andern Artikeln der Bundesverfassung, so im Betreibungs- und Konkursrecht, Aktienrecht, Ausbau des Strafrechtes, Neuordnung des Wahlsystems etc. Diese Programmpunkte veranlassen die Bewegung, auch für die Totalrevision der Bundesverfassung einzutreten, die kommenden 8. September zur Abstimmung gelangt. Die Initiative wurde lanciert von der konservativen Volkspartei, und wird auch von den Jungliberalen, den Fronten, Aufgebot und Nationale Front unterstützt, hingegen von der Mutterpartei der Bundesverfassung, der freisinnig-demokratischen Partei, den Sozialisten und Kommunisten bekämpft. Wie der Ausgang sein wird, lässt sich zur Zeit nicht überblicken.

Gegenwärtig steht der Neuen Schweiz als Führer vor: Erwin Joss, protestantischer Pfarrer in Zürich, er hat auch seine Mitarbeiter. In Zürich wird das Organ „Neue Schweiz“ gedruckt, woselbst die Landesleitung ein Sekretariat unterhält; als Sekretärin wirkt ein Tessiner namens Moneda.

Malters besitzt auch eine Ortsgruppe der Neuen Schweiz, wurde gegründet im Winter 1934/35 mit sechs Mitgliedern. Der Vorstand konstituiert sich aus Ortsgruppenführer S.H. Leuenberger, Drogist; Stellvertreter Ferd. Baumeler, Kaufmann, Sekretär; Jakob Schüpfer, Kaufmann, vordere Bäckerei; Kassier Leo Bieri, Metzger Kreuz. Im Mai 1935 veranstaltete die Ortsgruppe eine öffentliche Kundgebung im Hotel Bahnhof, an der Landesführer Erwin Joss das Referat hielt, betitelt "Unser Kampf um die Neuordnung der Wirtschaft"“. Das Thema hatte guten Einschlag; von den circa 250 Zuhörern verpflichteten sich 56 als neue Anhänger der Bewegung, darunter einige bedeutende Persönlichkeiten: Kirchmeier J. Bucheli, Kirchenrat Bühlmann, Verwalter Koller, alt Grossrat Alfred Weibel, Niklaus Weibel, Amtsrichter. Die Initiative, die sich gegenwärtig im Umlauf befindet, muss bis Ende September a.c. abgeschlossen sein. Malters hat bis heute circa 400 Unterschriften zusammen gebracht. Wir wünschen der Initiative gutes Fortkommen und ihren Segen über das ganze Schweizerland.

Baumeler Ferd., Kaufmann (Verfasser)
Paul Sigrist, Zimmermeister
XaverSigrist, Zimmermann
Heinrich Sigrist, Zimmermann

Nachunterzeichnet 1946: Zimmerleute Wechsler, Richenberger, Portmann


Löhne und Warenpreise zur heutigen Zeit (August 1935)

Lohn der Lehrerschaft 5'000.- bis 7'000.-

  • Stundenlohn eines Handlangers 0.80 bis 1.--
  • Stundenlohn eines Berufsmannes 1.20 bis 2.--
  • Wochenlohn eines Melkers bis 25.--
  • Monatslohn eines Käsers bis 130.—

Für einen Franken kauften wir:

  • 4 Liter Milch
  • 2½ kg Grieszucker
  • 250 g gerösteter Kaffe, bessere Qualität
  • 480 g Emmenthaler-Käse
  • ½ Pfund Butter
  • 300 g Kalbfleisch zum Braten
  • 6 Pfund Brot
  • 2½ kg Mehl
  • 4 Liter Petrol
  • 8 Eier
  • 10 kg Kartoffeln
  • 60 g gute Strickwolle, Kammgarn
  • 1 Meter Stoffe für Arbeiterhemden

Es wurde bezahlt für:

  • Erste Qualität Kälber, Fr. 1.80 per kg Lebendgewicht
  • Fette Kühe, 80 bis 90 Rappen per kg Lebendgewicht
  • Rind Fr. 1.- bis 1.10 per kg Lebendgewicht
  • Schweine 7 bis 9 Wochen alt, Fr. 12.- bis 18.-
  • Springer ca. Fr. 40.- per Stück
  • Bienenhonig Fr. 3.50 per kg
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