Die Luzerner Auswanderung nach Nova Friburgo in Brasilien 1819

Reglement

1819 nahmen 140 Luzernerinnen und Luzerner an einer vom Kanton Freiburg initiierten Aktion teil, wanderten nach Brasilien aus und gründeten die Stadt Nova Friburgo. Die Luzerner Kantonsbehörden beteiligten sich an der Organisation. Zudem erhielten die Auswandernden meist eine finanzielle Unterstützung. Allerdings mussten sie mit der Auswanderung auch auf ihr bisheriges Bürgerrecht verzichten.
[Ein kurze Zusammenfassung dieser Aktion: H. Bossard-Borner, Im Bann der Revolution, Luzern 1998 (=LHV 34), Seite 297]

Insgesamt nahmen 2006 Schweizer teil (aus Fribourg 830, Bern 500, Wallis 160, Aargau 143, Luzern 140, 5 weitere Kantone). Für die Luzerner Gruppe liegen im Staatsarchiv Luzern detaillierte Namenslisten. Sie verliess Luzern am 12. Juli 1819, ging nach Basel und fuhr dann auf dem Rhein nach Holland. Begleitet wurde sie dabei von dem von der Regierung eingesetzten Kommissar Kaspar Theiler aus Luzern. Diese erste Reiseetappe scheint nicht optimal vorbereitet gewesen zu sein, es gab Verspätungen, die Einschiffung verzögerte sich.

Die ersten der 8 Schiffe liefen am 11. September aus, das Schiff "Heureux Voyage" mit 442 Kolonisten aus dem Wallis, Luzern, Solothurn und Schwyz startete erst am 10. Oktober 1819 in Texel und benötigte für die Überfahrt nach Rio de Janeiro 69 Tage.

Ein spezielles Reglement - am 20.8.1819 in Rotterdam erlassen - regelte in 41 Artikeln das Verhalten auf den Schiffen, insbesondere wurde die Verpflegung festlegt:

Allerdings ist es unklar, ob diese Ansätze auch immer eingehalten werden konnten:

wir haben nie empfangen was versprochen gewesen, besonders nicht den Unterhalt auf dem Meer.

Reglement

Franz Hunkeler sandte im Mai 1820 einen ersten Bericht nach Luzern, und schilderte die schwere Reise.

Wir hatten immer guten Wind und würden gewiss in 7 Wochen in Rio Janeiro angekommen sein, wenn uns nicht auf dem Canarischen Meer nicht alle 3 Mastbäume abgebrochen wären. [...] Sturm hatten wir niemals, und es ist auf dem Meer halb so gefährlich wie viele posaunen. [...] Nichts ist auf dem Meer zu fürchten als bei einem solchen Transport von Menschen, so dass viele Ungeziefer, alles, niemand ausgenommen wird voll Läuse und Flöch.

Bereits auf der Reise waren zahlreiche Personen verstorben, aus der Luzerner Gruppe erreichten 123 schliesslich das Ziel. Die Zustände während der Reise und nach der Ankunft in Brasilien waren nicht wie erwartet gewesen. Die Probleme mit der Organisation führten 1820-1822 zu ausgedehnten offiziellen Schriftwechseln in der Schweiz (insbesondere betreffend den damaligen portugiesischen Generalkonsul in der Schweiz J.-B. Bremord ) und zu Spendensammlung im Kanton Luzern und sowie bei Hilfsvereinen in London und Rio de Janeiro.
Diese Hilfslieferungen kamen aber nicht bei allen Betroffenen an, u. a. weil viele inzwischen nicht mehr in der Kolonie wohnten. 1825 schilderten die beiden Luzerner Johann Baptist Jost und Wendelin Rüttimann die Zustände in der Kolonie und gaben Auskunft über die Schicksale der Luzerner Auswanderer.

Das ausgewählte Land scheint nicht ideal gewesen zu sein,... Dass unsere Colonie [...] an einen Ort verkuppelt worden, der ewig Nie, mit aller Arbeit Mühe, u. Kosten-Aufwand in Aufkommen gebracht werden kann. - [...] Denn Morro-Queimado liegt in einer hohen kalten u. angeerischen Serra, oder Gebirgskette, bey 40 Meilen, wie Bündten-Glarus,-Uri,-Wallis etc. zusammengesetzt allso hin und wieder nur ein etwas besseres Hochthal darin, um Bohnen, Mais, Kartoffeln bös, und Garten-Gewächs zu pflanzen; denn alle Süd - und hinländischen zahme Gewächse und Früchten, z.B. Bananas, Ananas, Café, Pommeranzen, Zitronen u. s. w. Hunderte, wachsen zwar, sterben aber bey erstem Kaltwerden wieder ab. 
... aber auch die bereits dort lebenden Einwohner lebten einfach, noch schlechter ging es den Sklaven. Man hat hier kein Luxus die Bauern gehen beinahe alle baarfuss, haben sehr schlechte Hütten und schlechte Bett. Sie arbeiten nichts, die Schwarzen nämlich die Neger machen alles. Diese werden wie das Vieh gebraucht und man handelt um sie wie bei uns um das Vieh. Ein Neger kostet 20 – 30 – 40 – 50 – bis 60 und 70 Louid'or. Wenn sie nicht arbeiten so werden sie geschlagen, und sie haben immer einen Aufseher bei der Arbeit.
Die Situation war sehr unterschiedlich, manche sprechen von Glück, ... Habe aber von Glük zu reden, dass ich noch so durchgekommen. Habe doch keine Schulden, kann mit Weib und Kind recht leben und sind alle immer recht gekleidet. Was soviel unsere Kameraden in der Colonie nicht haben, die da kaum für's Maul fortkommen können um nicht zu hungern.
... für andere waren Erfolg oder Misserfolg vom persönlichen Einsatz abhängig, ... Wer nicht auszog, in der Meinung: gebratene Tauben fliegen ums Maul, und man werde leben, ohne zu arbeiten, ohne zu sorgen traf es gar nicht bös.[...]
Dass aber auch viele unter den Ausgezogenen alte Saufer, Tagdieben, Vagabonden sind und geblieben, und aus eigner Schuld nicht aufkommen mögen, oder wollen, und viele derselben mit Ihrem schlechten Betragen denen gut angesehnen an Ihrem Etablissements-Orts Schaden und Schande verursachen, = wie wir's erfahren.[...]
... ja man betonte sogar die erzieherische Wirkung dieser Auswanderung. Wenn's demnach noch Narren in unserm lieben alten Vaterlande giebt, die gern nach Brasilien Colonisten und Betrogne seyn wollen, oder wenn es Familien und Individuen da giebt, die sich da keiner Correction unterziehen wollen, die sende man nur her, in unsere Colonie, nach Morroqueimado, - s'vergeht kein Jahr, sie sind so zahm, als Kirchen-Mäuse! Mancher von Uns öffnete die Augen, ward gut, und ist izt ein ordentlich bestehender Mann, arbeitsam, glücklich ja, im Wohlstande!

Nova Friburgo ist heute ein Stadt von etwa 180'000 Einwohnern
(siehe http://www.pmnf.rj.gov.br ).

Die "schweizerische" Vergangenheit ist immer noch spürbar und die Suche nach den Wurzeln aktuell: Regelmässig erreichen das Staatsarchiv Anfragen aus Brasilien, in denen man sich nach den luzernischen Vorfahren erkundigt.  

Es bestehen immer noch Kontakte zwischen Nova Friburgo und Freiburg, z.B. durch die Association Fribourg - Nova Friburgo oder die Vereinigung LE TIREUR FRIBOURGEOIS Santa Maria Madalena (ATFSMM)

Nova Friburgo
Nova Friburgo

Quellen im Staatsarchiv Luzern

Die Unterlagen zur Auswanderung nach Brasilien umfassen eine Archivschachtel mit der Signatur "AKT 24/60". Darin befinden sich auch die oben ausschnittweise zitierten Briefe von Hunkeler (1820), Rüttimann (1825) und Jost (1825) sowie das abgebildete Regement. Eine weitere Namensliste findet sich unter der Signatur "BF 52"

Wo finde ich weitere Informationen zum Thema "Auswanderung"?

Weiterführende Literatur

Der allgemeine Forschungsstand über die Auswanderung nach Nova Friburgo ist recht gut. Grundlegend dazu (allerdings mit dem Schwerpunkt auf dem Kanton Freiburg) ist:
Nicoulin, Martin, La genèse de Nova Friburgo. Emigration et colonisation suisse au Brésil 1817-1827. Fribourg 1973
(mehrere Auflagen und auch in portugiesischer Übersetzung. Vom gleichen Autor auch weitere Publikationen zur Thematik)

Speziell mit der Familie Wermelinger aus dem Kanton Luzern beschäftigt sich folgendes Buch (in der Bibliothek des Staatsarchivs Luzern mit der Signatur: G.h 37, portugiesisch!):
Abib, Alberto Lima, A família Wermelinger: uma aventura em dois continentes (a imigração suíça de 1819/1820). Nova Friburgo, 2000. ISBN: 85-901466-1-8

In Form einer kurzen Bildergeschichte erzählt (In der Bibliothek des Staatsarchiv Luzern mit der Signatur: Bro B 2756):
Abib, Alberto Lima, E os Suíços chegaram!!: a imigração suíça de 1819/1820. Nova Friburgo, 2004. ISBN: 85-901466-2-6

Bucher-Häfliger, Josef, Rottaler finden in Brasilien eine neue Heimat: aus Fischbach und Grossdietwil zogen im Jahre 1819 23 Personen aus. In: Willisauer Bote, WB Woche 23. Mai 1997 (Download).

Nachtrag:

Weibel-Knupp, Anita, , Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819. In: Familienforschung Schweiz. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung SGFF 42 (2015), 223-268.

Autor: Markus Lischer
Besten Dank für die Mithilfe bei diesem Beitrag an: Theres Omlin Lischer, Gregor Egloff und Stefan Jäggi