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Migration: Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721

Zwei Fahrende, wie man sie heute bezeichnet, geraten 1721 in die Fänge der Obrigkeit. Sie gehören einer Volksgruppe an, der ein Aufenthalt auf luzernischem Staatsgebiet verboten ist. Doch Verbote bestimmen nicht das ganze Leben: «schliesslich muss man bei den Leuten sein, wenn man überleben will», sagt Hans Georg Rosenberger, der sich auch gegen den Vorwurf wehrt, ein Heide zu sein.

Literatur:
Baur, Brigitte. Vom "Gaunerunwesen" zur "Heimatlosenfrage": zur Sozialdisziplinierung der Luzerner Unterschichten im frühen 19. Jh., 1990 (StALU Bro A 763).

Das Original liegt im Staatsarchiv Luzern mit der Signatur: AKT A1 F4 SCH 738

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Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721 - Seite 1
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A[nn]o 1721
den 28sten Juny ist von hochg[eachten] etc. etc. j[un]kh[e]r[en] landvogt Feeren Hanns Geörg Roosenberger, ohngefahr seines alters 35 jahr, examiniert undt befragt worden.
Befr[agt]: Das luth dem pass sein frauw nit eingestelt.
Antw[ortet]: Das ihme dissen paß ein truckhen macher geben.
Befr[agt]: Warumb er allhero gebracht worden.
Antw[ortet]: Er habe niemanndt nichts gethan, wüsse allso nichts.
Befr[agt]: Ob er nicht von dem heyden gesindell seie?
Antw[ortet]: Es seye kein heyd mehr uff der welt. Er seye im Tütsch land gebohren worden. Er wüsse nit, wo das heyden land seye.
Befr[agt]: Ob er dan nit vor ein heyd angehalten worden.
Ant[wortet]: Er seye kein heyd, aber ein ziginer.
Befr[agt]: Was ein ziginer heise sonder ein heyd.
Antw[ortet]: Im Schwaben land heissen sye ziginer, hier aber sage man ihnen heyden, allein die heyden seyen keine christen.
Befr[agt]: Was vor underscheyd seye.
Antw[ortet]: Die ziginer seyen von catholischen leüthen, nit aber die heyden.
Befr[agt]: Es seye bekhant, das die ziginer oder die heyden ein gewüsses zuethuon haben.
Antw[ortet]: Guette catholische christen.
Befr[agt]: Warumb sye dan hin unndt her streichen, unndt sich allso absönderen.
Antw[ortet]: Sye haben ihre beicht zedell, sye könen selbe uffleggen.
Befr[agt]: Wie er mit dem ganzen gesindell hieher khom[m]en.
Antw[ortet]: Von Baden, unndt Lenzburg bis hie her.  
Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721 - Seite 2
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Befr[agt]: Wie sye ohne päss hieher khom[m]en.
Antw[ortet]: Wie sye über Lenzburg khom[m]en, seyen sye allezeit in den dörfferen gewessen.
Befr[agt]: Wo er zue der gesellschafft khom[m]en seye.
Antw[ortet]: Das, da sye uff dem Bernerischen geweßen, seye ein Bärner khom[m]en, habe aldorten mit einem anderen geredt, da seye er vorthgangen, worauff die wyber eingezogen worden, seye aber uff dem grundt unndt boden in verhafft gelegt worden.
Befr[agt]: Wie vill in der zahl der persohnen seyen gewessen, ehe mann sye angehalten.
Antw[ortet]: Siben persohnen.
Befr[agt]: Ob sye schon lang in der Schwyz herumb gezogen.
Antw[ortet]: Er habe sich in dem Frickhthall unndt Berner gebieth uffgehalten, hier seye er noch niemahl gewessen.
Befr[agt]: Es seye nit so wohl zue glauben, das sye sich mit dem allmuossen uffgehalten.
Antw[ortet]: Mitt artznen unndt allmuossen.
Befr[agt]: Ob er niemahlen nichts veruntreuweth.
Antw[ortet]: Nein.
Befr[agt]: Er wüsse ja, das man sye nit lyde.
Antw[ortet]: Er habe nichts gewust; im übrigen müesse man bey den leüthen seyn, damit man köne das läben durchbringen.
Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721 - Seite 3
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Befr[agt]: Was zuevor sein uffenthalt, ehe er sich verheürathet.
Antw[ortet]: Er habe Gott gedieneth, unndt sich mit bättlen erhalten.
Befr[agt]: Wie er under das gsindell khom[m]en.
Antw[ortet]: Sein vatter unndt muotter seyen ziginer gewessen.
Befr[agt]: Ob sye dan alle zeith zue läben haben.
Antw[ortet]: Wan er zue einem khom[m]e, unndt er ihme was geben thuoe, thuoe er ihme danckhen.
Befr[agt]: Ob er nit gewust habe, das alhier von UGGHH die ziginer wandlen zue lassen verbotten.
Antw[ortet]: Wo sye dan hin müessen, sye müessen ja auch bey leüthen seyn.
Befr[agt]: Ob er demme gehorsamben werde, wan ihme verbotten wirt, das land zue meyden.
Antw[ortet]: Ja, er müesse der gnedigen obrigkeith gehorsamben.
Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721 - Seite 4
[p. 4]
A[nn]o 1721
den 28sten Juny ist von hochg[eachten] etc. etc. j[un]kh[e]r[en] landvogt Feeren Antoni Roosenberger, seines alters 17 jahr, von Frickhthall, examiniert unndt befragt worden.
Befr[agt]: Wo er sein uffenthalt gehabt, da er bey den leüthen gewessen.
Antw[ortet]: Uff dem Schwarzwald eneth dem Rheyn.
Befr[agt]: Wie vill ihrer in der zahl gewessen.
Antw[ortet]: Ohngefahr 17.
Befr[agt]: Wie vill ihrer ins Schwyzerlandt khom[m]en.
Antw[ortet]: Ihrer fünff, haben hernacher den anderen im Kilchsperg angetroffen.
Befr[agt]: Wie vill ihrer gewessen, da man sye zue Diettwyl gefangen.
Antw[ortet]: Ihrer drey, darauff seie sein schwöster auch khom[m]en, da sye denen Berneren entrunen.
Befr[agt]: Wo die andere hinkho[m]en.
Antw[ortet]: Die andere zwey unndt ein klein kindt seyen im Berner gebieth gefangen worden.
Befr[agt]: Wie vill zeith seye beysam[m]en.
Antw[ortet]: Ohngefahr 7 wochen.
Befr[agt]: Wo sye paßiert aller ohrten.
Antw[ortet]: Durch Muchen, von Klingnauw, Furr, unndt durch die dörffer hinauff.
Befr[agt]: Wie sye sich erhalten.
Antw[ortet]: Mitt bättlen, unndt heüschen.
Befr[agt]: Das es nit wohl zue glauben, das es mit dem allein beschechen.
Antw[ortet]: Man werde kein klag hören.
Verhöre mit den Zigeunern Hans Georg und Anton Rosenberger, 1721 - Seite 5
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Befr[agt]: Wie sye ohne pahs haben könen durchkhom[m]en.
Antwortet: Wie die übrige bättler.
Befr[agt]: Sye müessen nit durch die grosse strassen gangen seyn.
Antw[ortet]: Wohl, alles durch dörffer.
Befr[agt]: Ob sye keine wachten antroffen, wo sye durchgangen.
Antw[ortet]: Gar nit.
Befr[agt]: Wie man sye gefenglich angehalten.
Antw[ortet]: Das da sye brodt haben wollen khauffen, unndt eins getrunckhen, habe die wirthin gesagt, die Berner wollen jagen, da haben sye wollen
uff Altpüren, sye haben uff sye geschossen.
Befr[agt]: Ob er nit gewüst, das man die ziginer nit lyde.
Antw[ortet]: Er habe es nit gewust, seye noch niemahl allhier gewessen.
Befr[agt]: Ob sye alle zeith alle beysam[m]en gewessen.
Antw[ortet]: Ja.
Befr[agt]: Ob sye sich allso verhalten, das kein klag einkhom[m]en könne.
Antw[ortet]: Es werde niemandt anderst reden.

Transkription: S. Jäggi
Einleitung: G. Egloff
Produktion: M. Lischer  

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