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Migration: Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847

Migration: Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847

Anton Unternährer beschreibt seinen Geschwistern in Sörenberg in Form eines verkürzten Tagebuchs seine beschwerliche Seereise nach Amerika, seine Flussreise nach Chicago und die Probleme eines sprachunkundigen Einwanderers, in seiner neuen Heimat Fuss zu fassen. Um anschaulich zu bleiben, vergleicht er rege mit seiner alten Heimat: die Preise, die mechanisierte Landwirtschaft, die Anlage der Stadt oder die Essgewohnheiten.

Literatur:
Ritzmann-Blickenstorfer, Heiner. Alternative Neue Welt: die Ursachen der schweizerischen Ueberseeauswanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Zürich 1997 (StALU C.c 292).
Wander, Karl Friedrich Wilhelm. Auswanderungs-Katechismus: Ein Ratgeber für Auswanderer, besonders für Diejenigen, welche nach Nordamerika auswandern wollen; Hrsg. und eingeleitet v. Wolfgang Mieder[Nachdruck der Ausg.] Glogau, 1852, Bern 1988 (StALU B.e 620).

Das Original liegt im Staatsarchiv Luzern mit der Signatur: PA 183/2

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Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847 - Seite 1
[p. 1]
Chicago im Staate Illinois in N[ord] Amerika
den 27ten Heumonat 1847
Theure Geschwister!
Endlich bin ich im Falle, nach einer lange andauernden, mit vielen
Beschwerden verbundenen Reise Euch zu sagen, daß wir säm[m]tlich glücklich und gesund
den 9ten Heum[onat] Morgens frühe in Chicago bei H[er]rn Marbacher angekom[m]en sind,
wo wir sehr gut aufgenommen u[nd] freundschaftlich behandelt wurden.
Und so sind wir nun in der neuen Welt! Fern von Euch und Ihr
von uns, und doch in Gedanken alle Tage beisam[m]en. Das Geschick tren[n]te uns für einige Zeit,
möge es uns bald wieder glücklich zusam[m]enführen!
Ihr erwartet vielleicht in diesem Briefe recht viel Neues [und] Glänzendes über
Amerika und unsere Verhältniße; dies ist aber im ersten Briefe unmöglich. Neues
haben wir zwar recht viel gesehen, genug, um ein ganzes Buch mit dessen Beschreibung anzu-
füllen; auch Glänzendes begegnete uns häufig, aber es blieb nicht in unserem Besitze.
Für dießmal also hauptsächlich ein gedrängter Auszug aus meinem Tagebuch, mit dem ich
sogleich beginne (ich mache mit der Meerfahrt den Anfang, den Brief von Havre werdet Ihr erhalten haben?).
1ter Tag. Montag den 17ten Mai um die Mittagszeit ward unser Schiff, namens Boston, mit
einem Dampfschiffe aus dem Hafen geführt. Etwas über 200 Personen waren auf dem
Schiffe, die fast alle bei der ersten schaukelnden Bewegung die Seekrankheit kriegten. Kaum
eine halbe Stunde nach der Abfahrt mußte sich schon mehr als die Hälfte erbrechen.
2ter Tag war trübe, aber sehr guten Wind; die Kranken hatten sich schon ein wenig erholt.
3ter Tag sehr stürmisch, mit Gegenwind. Wir wurden in der Nacht bereits um so viel
zurückgeworfen, als wir den Tag vorher gefahren waren. Höchster Grad der Seekrankheit.
Kaum 10 Personen waren auf den Füßen, Alles lag im Bette. Den ganzen Tag wur-
de in unserer Küche kein Feuer angemacht.
4ter Tag. Sehr schön Wetter, das Meer aber noch unruhig, fast wie gestern. Noch Alles krank,
mit wenig Ausnahmen. Der Wind besser (Nord). In den Vormittagsstunden sah man
noch die Küste von Irrland, die auf den Abend sich verlor.
5ter Tag. Ein herrlicher Tag, nur keinen Wind. Wir kamen fast nichts vorwärts. Die See-
krankheit hatte bei den Meisten nachgelassen u[nd] die Fröhlichkeit feierte ihr Namensfest.
6ter Tag. Der schönste Tag seit Erschaffung des Oceans. Wind wechselte öfters u[nd] kam von ver-
schiedenen Seiten. Die Reisenden meistens sehr wohl. Bei der Küche gieng’s bunt her;
den[n] jetzt wollten die Leute wieder einmal ihren Magen befriedigen. Mangel an
Holz und Wasser war groß, indem dasselbe immer nur sparsam ausgetheilt wurde.
7ter Tag. Pfingstfest. Ein angenehmer Morgen mit gutem Wind. Nachmittags ein stür-
mischer Südwest. Neues Auftreten der Krankheit. Abends sahen wir mehrere
Fische, so groß, wie gewöhnliche Schweine.
8ter Tag. Ein furchtbar heftiger Nordwestwind u[nd] mit demselben ein erhöhter Grad der
Krankheit. Wir erhielten an diesem Tage Abends um 6 Uhr unser Morgen-, Mittag-
[und] Nachtessen gleichzeitig. Die Fahrt gieng den ganzen Tag südlich.
9ter Tag. Stürmisch wie gestern. Sehr kalt. Der Therometer[!] hatte nach Reaumur bloß 5-6 Grad Wärme.
10ter Tag. Regnerisch mit dichtem Nebel. Schwacher Wind, gesunde Leute. Abends star-
ken und für unsere Fahrt günstigen Wind.
11ter Tag. Südwestwind, der uns viel gegen Norden trieb. Das Wetter gut.
12ter Tag. Der Morgen ohne Wind. Dan[n] starker S. W. Schneeriesel und kalt.
13ter Tag. Diesen Morgen um 7 Uhr starb dem Johan[n] Theiler von Hasle sein jüngstes
Kind, ein Mädchen von bald 4 Jahren, welches seit einigen Tagen kränkelte. Abends
ward der Leichnam in einem mit Steinen beschwerten Sarge den Wellen übergeben.
Die Fahrt dieses Tages war meistens gut.
14ter Tag. So stürmisch war’s noch nie, doch noch kein eigentlicher Sturm. der Tag
sehr schön u[nd] heiter, aber ein höchst heftiger Südwest setzte das Meer so in Beweg-
ung, daß es Wellen schlug, wie Häuser. Es war ein interessantes Schauspiel, die
im Sonnenschein mit so verschiedenen Farben sich zeigenden Wasserberge u[nd] Staub-  
Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847 - Seite 2
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20ter Tag. Gutes Wetter. Einige Zeit keinen, später nur schwachen Wind. Mehrere
Wallfische, so groß, wie ordin[äre] Saghölzer zeigten sich in der Nähe unseres Schiffes. Der An-
blick war belustigend, den[n] noch lange sahen wir in weiter Ferne den Wasserstaub,
den diese ungeheuren Fische durch eine Oeffnung oben auf dem Kopfe ausspritzen.
Abends spät ward das gestern verstorbene Knäblein ins Meer versenkt.
21ter Tag. Vortrefflichen Wind. Das Meerwasser zeigt etwas erhöhte Wärme, od[er] besser
gesagt, der Therometer deutet beim Eintauchen ins Wasser auf mehr Wärme, was auf
die Nähe eines Stranges vom Golfstrom deutet. Viele Seevögel zeigen sich.
22ter Tag. Der Morgen etwas stürmisch. Nachmittag Windstille. Im[m]er Regen
und dichter Nebel. Ein höchst langweiliger Tag. Nochmal eine Leiche: ein Knäblein,
das aber eine affenähnliche Missgeburt war u[nd] schon lange kränkelte.
23ter Tag. Mehrere Schiffe liegen den Tag über in unserem Gesichtskreis. Es ist auß-
erordentlich kalt. Der Steuerman[n] friert in den Handschuhen. Alles trägt die Win-
terkleider auf der ganzen Fahrt. Wir müssen sehr viel nördlich liegen. Der Nord-
wind kom[m]t eisig kalt. Nachmittag zeigte der Therometer beim Eintauchen ins
Meerwasser 13 Grade Wärme. Ist das nicht sonderbar?
24ter Tag. Ausgezeichnet guten Wind. 21 Segel sind aufgezogen. Was doch so
ein vollgesegeltes Schiff für einen herrlichen Anblick gewährt! Das Wasser ist
heute noch bedeutend wärmer, als die Luft. Wir sind folglich in einem Theile
des Golfstromes.
25ter Tag. Ein grim[m]ig kalter Morgen, mit dichtem Nebel. Wenig Wind.
Capitain u[nd] Steuermann warfen heute die Angel zum Fischen aus u[nd] jeder kriegte einen
schönen Fang. (NB. Die gewöhnlichen Meerfische sind salzig, rauh und schlecht. Die vorerwähn-
ten aber waren süß; den[n] es hat eine gewisse Stelle im Meere, wo es gute Fische
hat. Der Ort ist unter dem Namen Fischerbank od[er] Fischerbänke bekan[n]t. Viele
Schiffe fahren von New York aus dorthin u[nd] fangen sehr viele Fische ein).
26ter Tag. Regen, Nebel, Südwestwind u[nd] Kälte. Der Wind nicht günstig. Am
Mittag sahen wir eine so zahllose Menge Fische, daß, wen[n] man behauptet, es sei-
en 5000 gewesen, man eher die Hälfte zu wenig, als zu viel sagt. So weit man
sehen kon[n]te, nichts als Fische und Fische, die kleinern von 3-5 Fuß Länge, die größern
10 u[nd] noch mehr Fuß u[nd] so dick, wie die größten Mastschweine.
27ter Tag. Im[m]er Nebel, besonders in den Morgenstunden, der sich aber gewöhnlich in
den Nachmittagsstunden verliert. Furchtbar kalt. Wind wie gestern.
28ter Tag. Dieser Tag veranlaßte mich zu mancher Betrachtung. Schon seit Jahren war
ich gewohnt, an diesem Tage einige Gedanken über meine Lebensbahn aufzuzeichnen,
u[nd] über Vergangenes und Gegenwärtiges - wohl auch Zukünftiges - nachzudenken, was
auch dieses Jahr geschah. Wie verschieden fand ich diese Tage und ihre Feier!
Der Wind während der Nacht war gut. Beim Tag schlechter. Kälte und Nebel.
29ter Tag. Ein schöner Morgen, klarer Son[n]enschein, nur keinen Wind. Abends
so heftigen Wind, daß die obern Segel eingezogen werden mußten. Krankheit.
30ter Tag. Die Nacht u[nd] der Morgen unruhig. Sehr kalt. Ein schneidender West
pfiff an uns vorüber. Wir lavirten den ganzen Tag bald südlich, bald nörd-
lich. Vorwärts gieng’s unbedeutend.
31ter Tag. Furchtbar heftiger Gegenwind, so, daß wir kaum auf dem gleichen
Fleck bleiben kon[n]ten, sondern mehr zurückgeschlagen wurden. Das Wetter sehr
schön. Mehrere befinden sich unwohl, einige müssen sich sogar erbrechen.
32ter Tag. Ein schöner Morgen. Das Seewasser ganz warm, nach R[eaumur] 18 Grade.
Die Luft hatte 13 u[nd] die Son[n]enwärme 20 Grade. Wir bekom[m]en viel Seegras
zu Gesicht. Der Wind ist noch im[m]er widrig.
33ter Tag. In der Nacht ein tüchtiges Don[n]erwetter. Beim besten Winde wur-
den säm[m]tliche Segel eingezogen. Das Rollen des Don[n]ers ist auf der See nicht
so heftig, wie in den Schweizerbergen. Ausgezeichnet guten Wind während des
Tages, die Segel waren so voll, wie Eicheln, u[nd] das Schiff lief ohne Schaukeln. Meh-
rere fliegende Fische gewährten ein angenehmes Schauspiel. Der ausgeworfene Boots-
man zeigte, daß unser Schiff in einer Stunde 10 englische Meilen mache.
34ter Tag. Schönes Wetter, schwachen Wind, die Leute voll Sehnsucht nach dem
neuen Lande u[nd] doch sieht man noch nichts, als Wasser u[nd] Himmel.
35ter Tag. Düster, jedoch guten Wind. 6-7 Schiffe zeigen sich schon Morgens
dem Blicke. Die Hoffnung wird nun belebt. Nachmittags kom[m]t der Pilot
aus New-York u[nd] hat Zeitungen für den Cap[itain]. Das war ein freudiges Zeichen.
36ter Tag. Morgens heftiger Regen, nach dem Regen folgte Son[n]enschein; wie
die Mittagszeit vorüber war, ertönte der freudige Ausruf: "Land, Land!" Die
Freude war sichtbar in allen Augen. Ein sehr guter Wind trieb uns dem
Ziele näher. Bis Abends waren wir am Eingange des Hafens, wo die
Anker geworfen wurden. Dort blieben wir am 37ten Tag liegen u[nd] wurden erst
am 38ten in den Nachmittagsstunden, also Mittwoch den 23ten Juni ans Land
gebracht. Die Ursache, warum wir so lange nicht ans Land gebracht wurden, war einzig
in der Gleichgültigkeit des Capitains gelegen. Kranke hatten wir keine auf  

Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847 - Seite 3
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unserem Schiffe, folglich war auch kein Hinderniß für uns. Jene Schiffe aber, die kranke Passagiere
haben, müssen oft mehrere Tage liegen bleiben.
Die Stadt New-York verließen wir den 24ten, am Feste des hl. Johan[n]es, Abends
um 7 Uhr. Morgens traffen wir in Albany ein u[nd] luden unser Gepäck auf ein
Kanal-Boot, wo wir uns bis Abends verweilten. Mit einbrechender Nacht setzte
sich das Schiff in Bewegung u[nd] so giengs auf diesem langsamen Fahrzeug bereits 9 Tage,
bis wir in Buffalo eintraffen. Diese Stadt erreichten wir Samstag den 3ten Juli
um 12 Uhr und verließen sie Abends 9 Uhr auf dem Dampfschiffe. Die Reise auf
dem Erie-, Huron- u[nd] Michigan-See nahm 5 Tage in Anspruch. Und so kamen
wir, wie bereits im Eingang gesagt ist, den 9ten Juli sehr frühe auf Chicago.
Hinsichtlich der Krankheit auf der See bemerke ich Euch, daß An[n]a Schnider am här-
testen hergenommen wurde. Bei einigen wars in wenigen Tagen wieder gut. Bei Mehrern
wiederholte sich die Krankheit, sobald es etwas stürmisch wurde. Gar nie mußten sich er-
brechen: Gregor Schmid v[on] Menznau, Alt-Lehrer Portman[n] u[nd] meine Wenigkeit. Unwohl und
schwindlicht aber wars mir auch manchen Tag, was aber nichts zu sagen hatte, im Verhält-
niß zu den andern Reisenden.
Dies in der Kürze über unsere Reise bis hieher, dem ich nur noch beizufügen
habe, daß es uns tüchtig Geld kostete. Die Reise im Innern des Landes ist sehr theuer. Die Lebens-
mittel sind in New-York, dem Kanal nach und in den großen Städten bereits so theuer, wie
bei unserer Abreise im Schweizerlande, was aber einerseits von der ungeheuren Ausfuhr nach
Deutschland etc. und anderseits daher rührt, daß man die Einwanderer strupft, wen[n] man sie
hat. Die Reise für uns vier hat etwas über 1000 Schweizerfranken gekostet. Mit
der[!] Uebergewicht haben sie uns tüchtig hergenommen und auch anderwärts betrogen. Ich werde
dan[n] später umständlicher hierüber schreiben u[nd] einige Winke u[nd] Ratschläge zu Gunsten der Auswan-
derungslustigen in einem öffentlichen Blatt bekan[n]t machen lassen, damit den Spitzbuben
der Weg ein bischen steiler gemacht wird. Vorläufig rathe ich jedem Auswanderer,
nicht viel mehr als 50 Pf[und] Gepäck zu nehmen u[nd] auf der ganzen Reise im[m]er nur von einer
Station zur andern seinen Tiket od[er] Reiseschein zu bezahlen.
Seit Jahren waren die Lebensmittel in Amerika nie so theuer, wie sie
im Laufe dieses Som[m]ers waren, was für den Landman[n], nicht aber für die Städte-
bewohner erwünscht sein kon[n]te. Dato sind sie wieder bedeutend wohlfeiler. Das [Pfund]
Waizenmehl, welches sehr gut u[nd] weiss ist, kostet in der Stadt 2 Cent (100 Cent ma-
chen einen Dollar = 371/2 Schw[eizer] B[at]z[en|), das Pfund Fleisch kostet 3, 4 u[nd] 5 Cent, je nach
dem man eine bessere od[er] schlechtere Sorte kauft. Zentnerweise ist der Marktpreis
2-21/2 Cent, erster Qualität. Ebenso das Schweinefleisch. Dies sind aber Stadtprei-
se, auf dem Lande ist's wohlfeiler. Zu bemerken ist aber, daß das amerikanische
Pfund leichter ist als das Schweizerpfund. Ich weiß das Verhältniß nicht ganz
genau; aber es wird ohngefähr 28 Loth halten. Das Brod ist im Verhältniß
zum Mehl theuer; indem man hier de, Holz und der Arbeit viel rechnet.
Es erscheint Euch vielleicht auffallend, daß ich noch nichts über Arbeit,
Verdienst, über unsere Beschäftigung etc. sagte. Allein in diesem Briefe kön[n]t Ihr noch
nicht viel erwarten. Die Mehrsten arbeiteten bis dato noch nicht viel. Einige sind
in der Stadt, andere auf dem Land, wieder andere u[nd] wir mit ihnen ziehen nächstens
auch von der Stadt weg. Auf dem Land hat's Arbeit in Menge, namentlich dato u[nd] der
Lohn ist groß; aber der neue Anköm[m]ling kan[n] sich mit dem hiesigen Werkzeug
nicht so gut vertraut machen, bis ers gewöhnt ist. Auch hier sind die Steinen[!]
hart u[nd] die Son[n]e scheint wärmer, als in der Heimat, was für den Anfänger ein
bischen unbehaglich ist. Das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer", findet gewiß
nirgends eher seine Anwendung, als beim werdenden Amerikaner. Sitten, Ge-
bräuche, Sprache, Klima, Lebensmittel, alles verschieden mit dem unseres Landes.
Schon mehr als 50 angesessene Deutsche sagten mir, daß die meisten neuen An-
köm[m]linge dem amerik[anischen] Boden und ihrem Geschicke fluchen, aber sobald einer 2-3
Jahre im Lande sei, würde er nicht mehr mit seiner Heimat tauschen. Ueberhaupt ist
es für jeden Deutschen und Schweizer, der erst in's Land kom[m]t u[nd] der Sprache nicht mächtig
ist, eine schwere Aufgabe. Alles kom[m]t nur nach u[nd] nach: Rom ward auch nicht in einem
Tage erbaut, und so denke ich, daß wir jedenfalls noch einige Dornen zu beseitigen
haben, ehe uns in Amerikas Garten die Rosen blühen.
Schon geht der Raum zu Ende u[nd] ich hätte noch so Manches zu sagen, was ich nun
für einen künftigen Brief aufsparen muß. Ihr seid vielleicht noch unbefriediget und
wünschet noch mehr Neuigkeiten. Traget ein wenig Geduld u[nd] sie werden kom[m]en. Für
dießmal möge es genügen, wen[n] ich Euch wiederholt versichern kan[n], daß wir uns gesund
befinden.
Schreibet uns mit erster Gelegenheit, wie die Preise der Lebensmittel stehen, wie
die Landesprodukte bei Euch ausfielen. Meldet etwas über Politik, Tagesereigniße, Ster-
befälle etc. etc. etc. Schreibet uns viel Neues u[nd] Tröstliches.
Gebe Gott, daß diese Zeilen glücklich über das Meer kom[m]en und Euch recht ge-
sund antreffen. Grüßet mir tausend Mal alle meine Freunde von nah u[nd] fern.
Bald werde ich wieder Etwas von mir hören lassen. Empfanget inzwischen von uns
Allen die herzlichsten Grüße. Lebet so wohl und glücklich, wie es wünscht
Euer Bruder
Ant[on] Unternährer
Alt Schullehrer
NB. Allfällige gewandte Leser dieses Briefes bitte ich um Nachsicht. Ich fand nach-
her beim Durchlesen, daß Manches verbessert sein sollte, hatte aber
nicht mehr Zeit zum Abschreiben.
Brief des Auswanderers Anton Unternährer, 1847 - Seite 4
[p. 4]
Nachtrag:
Die Regeln, die ich den Auswanderungslustigen bezüglich der Reise zu geben im Falle
bin, werden in einem spätern Briefe folgen. Erkundigungen für einige Freunde
werde ich dan[n] auch schreiben, wen[n] ich in Erfahrung gebracht, was für sie Werth
hat u[nd] sie interessieren kan[n].
Allerlei:
In Amerika hat man schon an verschiedenen Orten Maschinen, welche das Ge-
treide auf dem Felde abschneiden, es gleichzeitig ausdreschen und säubern so, daß sie
Abends mit dem Wagen nur auf dem Acker herum zu fahren brauchen u[nd] dan[n]
die gefüllten Säcke aufladen kön[n]en. Das Stroh bleibt auf dem Acker liegen.
Sonderbar und unglaublich, und doch wahr.
Jeder, oder doch die meisten Amerikaner haben beim Speisen die Gabel in der linken
Hand. Alle Gerichte werden gleichzeitig aufgetragen u[nd] jeder greift an das, was
ihm schmeckt. Suppe kom[m]t keine auf den Tisch. Da ist nur Kaffe[!], Thee od[er]
frisches Wasser. Kirchen sind in Chicago 15, worunter 5 kath[olische]. Sie sind noch sehr
einfach, die meisten Nichts als ein 4 ekiges Gebäude mit Läden od[er] Brettern ohne
Thurm u[nd] ohne Glocke. Der hiesige Pfarrer liest jeden Sonntag zweimal Messe:
Morgens Frühmesse u[nd] dan[n] um 10 Uhr das Amt u[nd] die Predigt. Alle Strassen
der Stadt Chicago sind so angelegt, daß sie genau nach Norden u[nd] Süden u[nd] Osten
u[nd] Westen zeigen. Oefen hat man hier keine andern, als eiserne.

Meine Adresse:
Anton Unternährer
care of Joseph Marbacher
in Chicago Illinois
United States
of Amerika
par Havre et New York

To
Mister François Unternährer, Sörenberg
Commune Flühli, Cant[on] de Lucerne
en Suiße
Europe
par New York et Havre

Transkription: S. Jäggi
Einleitung: G. Egloff
Produktion: M. Lischer   

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